Staunen vs. benutzen
Wann hast du das letzte Mal vor einem Baum gestanden und sein lebendiges Wesen bewundert? Wir betrachten die Dinge oft aufgrund ihrer Nützlichkeit, den Alltag zu bewältigen. Wir taxieren den Baum: Er ist gerade gewachsen, hat hartes Holz, da können wir so und so viele gute Bretter herstellen. Manchmal stehen uns Bäume auch nur im Weg. Wir müssen sie fällen, um dort an diesen Platz etwas anderes hin zu bauen. Daß das gleiche Leben, das mich selbst durchströmt, auch diesen Baum durchströmt, dieses Wunder! können wir nicht mehr schätzen.
Wenn wir aufwachsen als Kinder lernen wir, Dinge nach ihrer Nützlichkeit zu betrachten. Das ist einerseits notwendig, damit wir unser Alltagsleben bewältigen lernen. Kinder lernen immens viel, um später im Berufsleben zu bestehen, um letztendlich selbst wieder Kinder zu bekommen und Erfahrung und Wissen weiter zu geben. Doch das Wissen um dieses Wunder, das Staunen, die Ehrfurcht, wenn du vor diesem großen Baum stehst und seine Lebendigkeit „spürst“, geht verloren. Es wird nicht beachtet.
Große Flächen werden abgeholzt, um dort etwas anderes hin zu bauen. Wir ersetzen den lebendigen Austausch mit diesen Baumwesen durch versiegelte Flächen. In unseren Städten schon seit langem, dazwischen mit immer breiteren Autobahnen, in den Wäldern neuerdings für Großgeräte zur Energieerzeugung. Wir sparen mit diesen Technologien CO2 ein – und wir nehmen in Kauf, daß gleichzeitig der lebendige Austausch, den wir mit den Pflanzen betreiben, immer geringer wird.

Vögel und Insekten gehören auch zu diesem großen lebendigen System. Sie unterstützen den Austausch, tragen Samen von hier nach da. Der Raum für sie wird ebenfalls immer kleiner. Auf der anderen Seite wächst die Zahl der Menschen, die auf diesen Austausch notwendig angewiesen wären. Von alters her sind Menschen ein Teil dieses Austauschprozesses. Wir machen ihn immer kleiner, so daß wir letztendlich unseren Atem sparen müssen. Statt tief durchzuatmen und voll Staunen diesen lebendigen Prozess zu bewundern, müssen wir jetzt überlegen, wie wir das, was wir auf der einen Seite zerstören, auf der anderen reparieren können. Wirklich schade.
Sind das nur die Gedanken eines alten Mannes, der jetzt doch eine gewisse Zeitspanne Leben überschauen kann? Es geht nicht um „früher war alles besser“. Es geht um das Wertschätzen des Lebendigen hier und heute. Und darüber hinaus im Lebendigen das zu sehen, was wirklich zählt. Wo wären wir als Menschen sonst? Wir können die Lebensprozesse nur bedingt beeinflussen. Und sollten uns besser mit ihnen als gegen sie bewegen.

