Versöhnung mit der M

Liebe Mama, bitte.

Wie du mit deiner Mama ins Reine kommst

Meine Mama war eine schöne Frau. Für mich die schönste Frau. Sie war viel schöner als ich. Schlank. Anmutig. Elegant. Ausdrucksstarke Augen. Tüchtig. Berufstätig. Ich war stolz auf meine Mama. Und doch war sie eine Fremde. Und manchmal wagte ich meine kleine Hand nach der ihren auszustrecken. Und nach ihr zu greifen. Liebe Mama, bitte.

Meine Mama war klug. Belesen. Sie liebte Kunst, Sprachen, Literatur, Malerei, Skulpturen, Stiefmütterchen und tränende Herzen.

Ich bin eher nach meinem Vater gekommen. Ich war nicht anmutig aber ich war wild. Nicht zu bändigen mit  meinen roten Haaren. Sie brannten wie Feuer. Manchmal mussten sie mich dann kopfüber in ein Wasserfass tauchen. Um mich abzukühlen. Meine Mutter wusste oft nicht weiter mit mir als Kind.

Zerbrochen in einer zerbrochenen Welt

Sie war eine Fremde in einer fremden Welt. Sie liebte das, was Menschen erhebt. Sie liebte mich. Liebte mich heiss und innig. ihr einziges Kind. Liebte mich manchmal „zu viel“. Und da war ein Schmerz. Ein abgrundtiefer Schmerz. Großgeworden war sie mit Bomben. Zerbombung. Landverschickung zu einer fremden Familie. In fremde ländliche Umgebung. In einer Zeit, die ihr fremd geblieben ist. Hitlerjugend. Aufmärsche. Männliche Gewalt und Dominanz. Drill. Unterwürfigkeit und Verleugnung. Sie war eine Fremde.In einer entfremdeten Welt.

Liebe Mama, bitte.

Oft singe ich als Kind. Tue als würde alles in Ordnung sein. Sitze vor meinen Hausaufgaben. Summe, um uns beide zu beruhigen. Übe stundenlang Klavier. Flüchte in die Musik. In die Literatur. Später bin ich Regisseurin und Künstlerin geworden. Erträumte eine bessere Welt.

„Liebe Mama, bitte halte mich“. “Halte mich, dass ich am Leben bleibe.“ Irgendetwas zieht mich fort. Noch so klein. Zieht es mich fort. Der Schmerz. Ich kannte es nicht anders. Traumatisiert in einer traumatisierten Welt. Zwei Fremde in einer Welt, die noch kein zu Hause gab.

Meine Mama versuchte, alles für mich zu tun. Wenn sie nicht da war, versteckte ich mich. Im Schrank oder unter dem Sofa. Ich hatte so viel Angst. In der Nacht konnte ich oft nicht schlafen. Alle Ängste waren dann bei mir. Ich war ein Außenseiterkind. Meine Eltern waren beide intellektuell. Ich hatte rote Haare und trug Cordhosen oder Jeans. Streunte durch die Gärten wie eine verwilderte Katze. Mein Vater kämpfte für eine bessere Welt. Wiedergutmachung. Menschenketten. Mutlangen. Apo. Oft saß meine Mama an meinem Kinderbett. Sie erzählte mir die Geschichte von Fipps dem Affen. Einen Außenseiteraffen, der keine Haare hatte. Sie erfand Geschichten. Für sich und für mich. Ich war ihr Sorgenkind.

Meine Mutter war zerbrechlich. Innerlich ist sie oft zerbrochen. Ich beruhigte sie dann. Sie war wie ein Engel. Sie war fern. Entschwebte. Ich hielt sie dann fest. Mit beiden Händen, dass sie nicht für immer entschwand. Sie liebte Stefan Zweig. Literatur von vergeblicher und unerfüllter Liebe. Liebe Mama, bitte bleibe, bei mir – deinem Kind.

Mein Vater war trunken vor Intensität. Lebensdurstig. Und hatte den heiligen Zorn. Und meine Mama war oft krank oder müde. Früh habe ich mich von ihr abgewendet. Bin dann meinen Weg gegangen. Weg von meiner Mama. Weg von meiner Heimatstadt. Reisen. Indien. Kunst. Theater. Meditieren. Heilung eines traumatisierten kleinen Mädchens. Und Heilung einer traumatisierenden Welt.

Und dann kam ihr früher Tod

Ich durfte das Unversöhnte versöhnen. Die Wut. Das Unerfüllte. Denn Hass. Die Verzweiflung. Die Todessehnsucht. Wir saßen zusammen und begannen zu sprechen. Sie hielt meine Hand. Streichelte sie. Sanft und zart berührte sie. Wahrhaftig. Dem Wahnsinn der Vergangenheit ins Auge schauend. Fühlend und bezeugend. Ihr Tod war heilsam. Für sie und für mich. Wiedergutmachung. In ihr und in mir.

Liebe Mama, bitte. Du bist für mich das Tor. In eine lichtvolle Welt. Ich gehe jetzt. In diese Welt. Meiner Hand in deiner Hand.

Liebe Mama, bitte. Ist ein persönlicher Artikel. Ohne dem Familienstellen wäre für mich dieser Weg nicht möglich gewesen.

Dhyana Eva Reuter

Und wenn du deine Beziehung zu deiner Mama aufstellen möchtest 

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5 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Freue mich über Rückmeldungen!

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    • Danke für diese wundervolle Beschreibung deiner Mutter Beziehung und vor allem die Liebe, die unverwüstliche, spüren. Ist es nicht unglaublich, dieses unendlich starke Band der Liebe zu spüren? Kürzlich erlebte ich es, als in nach langer Zeit wieder in meinen Heimatort kam. Ich war wie überwältigt! Spürte wie sich alle Gefühle des Leids, des Hasses, des Kämpfens in dieser Liebe auflöste, die alles enthielt und alles verzieht. Es war die Befreiung! Tiefer Frieden…. Und ich freue mich, dass ich dies jetzt mit dir hier teilen kann…. Denn du verstehst ❤️🙏

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  • Janßen Francisca
    25. Oktober 2021 22:54

    Die Versöhnung mit deiner Mama ist so fühlbar für mich. Ja die Liebe, die „ zu vieL“ ist, berührt mich auch schmerzlich. Die Erkenntnis, das die Ent-Fremdung mich wieder in den Schmerz hinein ent-spannt, ist sichtbar während der Bitte: „ Liebe Mama halte mich, dass ich am Leben bleibe“. Es ist dann ein Geschenk für die Versöhnung. Liebe Eva, seit wir uns kennen und das sind schon einige 24 Stunden, hast du mir die Erkenntnisse in deinen Blogs und Teachings zugänglich gemacht. Furchtlos und auch mit dem Segen deiner Mutter, hast du „von dir“ geschrieben und nicht „über“ dich. Vielen Dank für die Gefühle, die ich bei mir wahrgenommen habe- da könnt’ ich weinen – auch mit Dir, so berührst du mich. Das bist Du.

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